Herrscher der Lüfte

Von Jägern, Überlebenskünstlern und einer Welt aus einer anderen Perspektive

Mäusebussard im Morgenlicht · Rhein-Neckar-Region, Deutschland

Es braucht keine afrikanische Savanne, um ihnen zu begegnen. Manchmal genügt ein früher Morgen auf einem Feld irgendwo in Deutschland.

Greifvögel faszinieren mich schon lange. Vielleicht liegt es an dieser Mischung aus Kraft und Leichtigkeit.
Ein Mäusebussard, der regungslos über einer Wiese sitzt. Ein Rotmilan, der scheinbar mühelos den Wind nutzt.
Ein Adler, der hoch über der Landschaft seine Kreise zieht. Sie beobachten ihre Umgebung aus einer Perspektive, die uns verborgen bleibt.

Mit der Kamera suche ich deshalb nicht nur ihre Nähe. Mich interessiert immer stärker der Raum, in dem sie leben:
das Licht, die Landschaft, ihre Jagd, ihr Verhalten – und jene kurzen Augenblicke, in denen aus einer Beobachtung ein Bild wird.

Auf meinen Reisen durch Deutschland und Afrika habe ich sehr unterschiedliche Greifvögel erlebt.
Manche häufig, andere nur für wenige Sekunden. Doch je länger ich sie beobachte, desto deutlicher wird mir,
dass sie weit mehr sind als eindrucksvolle Fotomotive.

Sie gehören zu den stillen Wächtern unserer Landschaften.


Die Landschaft lesen

Rotmilan im Suchflug · Rhein-Neckar-Region, Deutschland

Greifvögel leben nicht über der Landschaft. Sie sind ein Teil von ihr.
Wer ihnen länger zusieht, erkennt schnell, dass ihr Flug selten ziellos ist. Ein Rotmilan zieht niedrig über Wiesen und Felder,
sucht den Boden ab, nutzt Luftströmungen und reagiert auf das, was unter ihm geschieht.

Andere Arten jagen aus dem Ansitz, stoßen aus großer Höhe herab oder kontrollieren offene Flächen im schnellen Flug.

Genau das fasziniert mich an Greifvögeln. Mit der Zeit fotografiert man nicht mehr nur einen Vogel am Himmel.
Man beginnt zu beobachten, wie er eine Landschaft nutzt – und welche Rolle er darin spielt.


Jäger am Wasser

Baumfalke im Jagdflug über dem Wasser · Rhein-Neckar-Region, Deutschland

Wasser zieht Leben an – und damit auch Jäger. Für den Baumfalken wird der Luftraum über Seen und
Feuchtgebieten zum Jagdrevier. Mit schnellen Richtungswechseln verfolgt er Libellen und andere große Fluginsekten,
die er direkt in der Luft erbeuten kann.

Mich faszinieren solche Szenen, weil sie zeigen, wie spezialisiert Greifvögel ihre Umgebung nutzen.
Wo ich zunächst nur einen Vogel über dem Wasser sehe, beginnt sich mit genauerem Beobachten eine Strategie zu zeigen.

Und Wasser spielt dabei noch für ganz andere Greifvögel eine entscheidende Rolle.

Einige tausend Kilometer weiter südlich begegnet man einem Jäger, für den es sogar namensgebend geworden ist:
dem afrikanischen Schreiseeadler.

Schreiseeadler am Wasser · Kruger-Nationalpark, Südafrika

Für viele ist der unverwechselbare Ruf des Schreiseeadlers eine der Stimmen der afrikanischen Wildnis.
Auch für mich gehört er inzwischen zu diesen Geräuschen, die sofort mit Afrika verbunden sind.
Man hört ihn über Flüssen und Wasserstellen, manchmal lange bevor man entdeckt, wo der Vogel überhaupt sitzt.

Oft sitzt er erhöht in einem Baum oder auf einem Felsen nahe dem Wasser und beobachtet scheinbar regungslos seine Umgebung.
Doch diese Ruhe täuscht. Entdeckt er einen Fisch nahe der Oberfläche, kann aus dem stillen Beobachter innerhalb weniger Sekunden ein präziser Jäger werden.

Er stößt zum Wasser hinab und greift seine Beute mit den Fängen – daneben gehören auch andere Beutetiere und Aas zu seinem Nahrungsspektrum.

Mich fasziniert gerade dieser Gegensatz: der weithin hörbare Ruf, die langen Phasen des Wartens und dann dieser eine kurze Moment, in dem alles geschieht.

Je länger ich Greifvögel beobachte, desto weniger sehe ich in ihnen nur spektakuläre Jäger. Jeder von ihnen hat seinen Platz in einem komplexen Gefüge aus Lebensraum, Beute und Konkurrenz.

Der Schreiseeadler gehört zum Wasser – so selbstverständlich, wie das Wasser selbst zur afrikanischen Landschaft gehört.


Der Jäger mit den roten Augen

Auf den ersten Blick wirkt der Gleitaar beinahe zu elegant für einen Jäger.

Sein helles Gefieder hebt sich deutlich von vielen anderen Greifvögeln ab, besonders auffällig sind jedoch seine intensiv roten Augen. Für mich gehört er zu den ungewöhnlichsten Greifvögeln Afrikas.

Doch hinter dieser fast exotischen Erscheinung steckt ein hoch spezialisierter Jäger. Gleitaare suchen offene Landschaften nach kleinen Beutetieren ab und können dabei immer wieder rüttelnd in der Luft stehen, bevor sie zum Boden hinabstoßen. Vor allem kleine Säugetiere gehören zu ihrer Beute.

Bei dieser Begegnung im Kruger hatte die Jagd bereits stattgefunden. Der Vogel saß im warmen Licht auf einem abgestorbenen Ast, unter seinen Fängen hing noch die erbeutete Maus. Ein Moment, der vieles von dem sichtbar machte, was Greifvögel für mich so faszinierend macht: Schönheit und Präzision – aber auch die unmittelbare Realität von Jäger und Beute.


Dem Regen hinterher

Wahlbergadler mit Beute · Kruger-Nationalpark, Südafrika

Auf den ersten Blick ist der Wahlbergadler einer der eher unscheinbaren Adler Afrikas. Schlank, braun, leicht zu übersehen.
Doch hinter dieser Erscheinung steckt ein erstaunlicher Reisender.

Viele Wahlbergadler verbringen nur einen Teil des Jahres im südlichen Afrika. Nach der Brutzeit ziehen sie Tausende Kilometer nach Norden und kehren mit den wechselnden Jahreszeiten wieder zurück.

Ihr Lebensraum ist nicht eine einzelne Landschaft – sondern ein großer Teil des afrikanischen Kontinents.

Auch bei der Jagd sind sie flexibel. Vögel, kleine Säugetiere und Reptilien gehören zu ihrer Beute.
Bei dieser Begegnung im Kruger hatte der Adler bereits einen Vogel geschlagen und saß damit auf einem abgestorbenen Baum.

Für mich zeigt diese Szene etwas, das man einem einzelnen Foto kaum ansieht:

Über uns fliegen Tiere, deren Leben Landschaften miteinander verbindet, die Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen.


Kraft aus der Höhe

Kampfadler auf seinem Ansitz · Kruger-Nationalpark, Südafrika

Manche Greifvögel wirken erst dann wirklich groß, wenn sie sich bewegen. Der Kampfadler gehört für mich dazu.
Auf einem Ast sitzend beeindruckt er durch seine Präsenz – doch wenn er die Flügel öffnet, verändert sich das Bild.

Mit einer Spannweite von bis zu etwa 2,6 Metern gehört der Kampfadler zu den größten und mächtigsten Adlern Afrikas.
Seine Jagd beginnt häufig aus großer Höhe. Von dort sucht er die Landschaft nach Beute ab und kann Tiere schlagen,
die deutlich größer sind als die Beute vieler anderer Greifvögel. Vögel und Reptilien gehören ebenso dazu wie mittelgroße Säugetiere.

Bei meiner Begegnung im Kruger saß er zunächst ruhig über der Landschaft.
Dann öffnete er die Flügel und verschwand zwischen den Bäumen. Für wenige Sekunden wurde sichtbar, welche Kraft in diesem Vogel steckt.

Kampfadler beim Abflug · Kruger-Nationalpark, Südafrika


Der Gaukler der Savanne

Bateleur über der Savanne · Kruger-Nationalpark, Südafrika

Kaum ein afrikanischer Greifvogel ist so unverwechselbar wie der Bateleur. Schwarzes Gefieder,
helle Flügel, ein leuchtend rotes Gesicht – und ein Schwanz, der bei erwachsenen Vögeln so kurz ist, dass die Füße im Flug darüber hinausragen.

Sein Name passt zu seiner Erscheinung. „Bateleur“ ist französisch und bedeutet so viel wie Gaukler oder Akrobat.
Im Flug hält er seine langen Flügel häufig leicht angewinkelt und reagiert schon auf kleine Luftbewegungen mit einem Kippen des Körpers.
So entsteht der charakteristische, beinahe schaukelnde Flug, dem er seinen Namen verdankt.

Stundenlang können Bateleurs über der Savanne unterwegs sein. Dabei suchen sie nicht nur nach eigener Beute.
Auch Aas gehört zu ihrer Nahrung – und genau dadurch führen sie zu einer anderen Gruppe von Greifvögeln,
deren Bedeutung für die afrikanische Wildnis kaum zu überschätzen ist.

Wo Bateleurs am Himmel kreisen, lohnt sich deshalb manchmal auch der Blick nach unten.


Wenn die Jagd vorbei ist

Weißrückengeier an einem Kadaver · Kruger-Nationalpark, Südafrika

Nicht jeder Greifvogel jagt selbst. Geier haben eine andere Rolle übernommen:
Als hoch spezialisierte Aasfresser verwerten sie, was andere zurücklassen, und sind damit ein wichtiger Teil des natürlichen Kreislaufs.

Kadaver werden beseitigt, Nährstoffe gelangen zurück in das Ökosystem – aus dem Ende eines Lebens entsteht die Grundlage für anderes.

Und genau darin zeigt sich noch einmal, wie unterschiedlich Greifvögel ihre ökologische Nische gefunden haben.


Wächter unserer Landschaften

Mäusebussard auf Pfahl im Morgenlicht · Rhein-Neckar-Region, Deutschland

Am Ende führt mich die Geschichte der Greifvögel wieder dorthin zurück, wo sie begonnen hat: in die Landschaften vor unserer Haustür.

Auch hier hängt ihr Leben davon ab, was unter ihren Flügeln geschieht: von offenen Flächen und Rückzugsorten, von ausreichend Nahrung und geeigneten Brutplätzen. Sie stehen nicht über der Landschaft. Sie sind Teil von ihr.

Vielleicht sehe ich sie deshalb heute anders als früher. Mich fasziniert noch immer ihre Kraft, ihr Flug und die Präzision, mit der sie jagen.
Aber je mehr ich über diese Vögel lerne, desto deutlicher wird auch, wie verletzlich ihre Welt ist.

Diese Vögel zu bewahren bedeutet deshalb vor allem, ihre Lebensräume zu bewahren:
Landschaften, in denen sie Nahrung finden, alte Bäume und ungestörte Plätze, an denen sie brüten können –
und genügend Raum, in dem Wildnis noch stattfinden darf.

Dazu kann jeder etwas beitragen. Nicht jede Hilfe muss spektakulär sein. Greifvögel brauchen vor allem intakte und vielfältige Lebensräume.
Wer naturnahe Flächen erhält oder entsprechende Schutzprojekte unterstützt, hilft deshalb nicht nur einer einzelnen Art.

Ebenso wichtig ist Rücksicht: Abstand zu Brutplätzen halten, Störungen vermeiden und Wildtiere niemals für ein Foto bedrängen.
Und wer draußen unterwegs ist, kann Beobachtungen bedrohter oder verletzter Greifvögel an Naturschutzorganisationen oder zuständige Stellen weitergeben.

Für mich bekommt damit auch die Fotografie eine weitere Bedeutung.

Ich möchte nicht nur zeigen, wie beeindruckend diese Tiere sind. Ich möchte zeigen, warum es sich lohnt, sie zu bewahren.

Denn über uns fliegt nicht nur ein Vogel. Unter seinen Flügeln liegt eine ganze Welt.

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IM RHYTHMUS DER WILDNIS